Distant Neighbours – Micha Ende

In unserer Galerie kennen wir unsere Künstlerinnen und Künstler persönlich und arbeiten mit vielen schon jahrelang zusammen. Einige, wie Armin Mueller-Stahl, Otto oder Udo Lindenberg müssen wir Ihnen nicht vorstellen. Doch treffen wir immer wieder auf faszinierende Künstlerinnen und Künstler, die weltweit unterwegs sind, daher in unseren Breitengraden noch nicht so bekannt sind und die Sie – neben ihren Werken – unbedingt persönlich kennenlernen sollten, wie wir finden. 

Heute nehmen wir Sie mit in ein kleines brasilianisches Dorf mitten im atlantischen Küstenwald, 80 km südwestlich von Rio de Janeiro. Hier lebt der deutsche Fotograf, Journalist und Dokumentarfilmer Micha Ende zwischen Horden von Kapuziner-Affen und Papageien- Schwärmen  in seinem persönlichen Traumhaus.

Micha Ende
Fotograf, Journalist, Dokumentarfilmer

Seit 1985 arbeitet er hauptsächlich in Südamerika, seit 2008 auch in China – wo er drei Jahre Fotografie an der China University of  Communication Nanjing C.U.C.N. unterrichtete, seit 2017 ebenfalls in Indien. Er publiziert, stellt weltweit aus und war u. a. für Geo, Stern, Zeitmagazin, Focus in allen Ländern des südamerikanischen Kontinents unterwegs. Obwohl Endes Arbeiten oft Missstände aufzeigen – urbane Gewalt, Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit – gehen seine Bilder über die rein journalistische Dokumentation hinaus, haben vielmehr einen hohen ästhetischen Anspruch.

Viele seiner Arbeiten können Sie bei uns in der Galerie sehen: Da finden sich Straßenszenen aus Kuba, eine Fotoserie über Brasiliens ersten Indianer-Abgeordneten Juruna und seinen Stamm, die Xavante im unteren Amazonasgebiet, und die Highlights des umfangreichen Bilder-Zyklus „Rio by Night“ über das verborgene, verbotene Nachtleben von Rio de Janeiro, ein Projekt, an dem Micha Ende von 1995 bis 2005 arbeitete.

Seit 2009 widmet er sich dem Langzeitprojekt „Distant Neighbours”, das die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der wirtschaftlich und politisch mächtigen  Schwellenländer des BRICS-Blocks (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) aufzeigt. In einer Gratwanderung zwischen Fine Art Photography  und Fotodokumentation stellt er Menschen und Landschaften aus den BRICS-Staaten gegenüber. Für seine Portrait-Shootings  transportierte der Fotograf eine portable Studioblitz-Anlage auf Müllkippen und Öko-Farmen in Brasilien, China und Indien. Die vor über einem Jahrzehnt von Micha Ende an einem Bistro-Tisch an der Bund-Promenade in Shanghai, China, entworfene Ideenskizze wuchs  inzwischen zu einem globalen Projekt heran. 2019  wurde eine Etappe vom Goethe Institut in Rio de Janeiro, Brasilien, gefördert, das dem Künstler eine Fotoproduktion in Pune, Indien, finanzierte.

Im Rahmen seines Projekts  arbeitet der Fotograf zurzeit an zwei Themenschwerpunkten:

„Verschwendung und Wohlstand“ („Waste and Wealth“)  

Die in bedrohlichen Ausmaß Abfall produzierenden neuen Wegwerfgesellschaften der BRICS-Länder schaffen apokalyptisch anmutende Mülllandschaften. Es entsteht eine ständig wachsende, marginale Arbeiterklasse, die nicht nur ums Überleben kämpft, sondern auch gegen soziale Ächtung und Ausgrenzung.

Anfangs arbeitete er fotojournalistisch und zeigte Notleidende, im Dreck wühlende Müllsammler auf der größten Müllkippe von Rio de Janeiro. Sechs Monate und viele Tausend Bilder später kam Micha Ende zu dem Schluss, dass dies nicht der richtige Ansatz für diese Arbeit war – die Bilder bestätigten das Klischee vom „Aasgeier“. Stattdessen fing er an, die Müllsammler als „Schatzsucher“  zu portraitieren und festzuhalten, wie sie stolz und strahlend ihre gefundenen Müllschätze als Kostbarkeiten präsentieren und ihnen damit eine ganz neue Wertigkeit verleihen. Seine eindrucksvollen, mit 100 x 150 cm fast lebensgroßen Bilder, die Sie bei uns in der Galerie sehen und natürlich auch kaufen können, regen zum Nachdenken über das eigene Konsumverhalten und den Umgang mit Recycling an. 

Micha Ende fotografierte zu dem Thema bereits ausgiebig in Brasilien (Rio de Janeiro und Cabo Frio), China (Beijing und Guangzhou), und Indien (Mumbai und Pune.)

„Von der Hand in den Mund“ („Harvest Handmade“)

Die riesigen Monokulturen und Rinderfarmen Brasiliens, durch Brandrodung und Kahlschlag auf Kosten der Regenwälder entstanden, reduzieren die Biodiversität, beeinträchtigen die ökologische Stabilität, und nahmen Zigtausenden von Kleinbauern die Lebensgrundlage. Doch erst seitdem die brasilianische Mittelklasse die hohe Schadstoffbelastung der Lebensmittel immer weniger toleriert und ihr Konsumverhalten ändert, findet ein Umdenkprozess statt. Die großen Supermarktketten der Metropolen bieten organisch produziertes Obst und Gemüse an. Ökomärkte gibt es inzwischen in vielen Kleinstädten. Ökologische Bauernkooperativen entstehen, bilden Netzwerke auf nationaler und sogar internationaler Ebene. Junge, gut ausgebildete Städter schließen sich diesen Kooperativen an, nutzen das Internet für effektive Kommunikation und Fortbildung. Eine ähnliche Tendenz ist in Indien und in China zu beobachten.  

Micha Ende fotografierte Anfang 2019 die Bauernkooperative Fojo unweit seines brasilianischen Heimatortes, und im Herbst desselben Jahres neun kleinbäuerliche Ökohöfe in der westindischen Provinz Maharashtra. Micha Ende verwendet für die Foto-Produktion bei „Von der Hand in Mund/Harvest Handmade“ die gleiche Technik wie bei „Wohlstand und Verschwendung/Wealth and Waste“.

„Distant Neighbours“ ist nicht als Solo-Projekt konzipiert, sondern als Gruppen-Projekt, das Micha Ende in Kooperation mit Künstlern, Kunsterziehenden und Kunststudenten aus den BRICS-Ländern realisieren möchte. Die Zusammenarbeit mit jungen chinesischen und brasilianischen Künstlern resultierte bereits in Ausstellungen in München und in Rio de Janeiro. Kontakte nach Südafrika und Russland bestehen bereits.

Hier können Sie einen digitalen Eindruck seiner Bilder in einer Ausstellung der Horbach-Stiftung gewinnen …

Micha Ende ist selbst überzeugter Recycler, Upcycler, seit Beginn der Pandemie weitgehend Selbstversorger, und baut in seinem kleinen Garten im Regenwald organisches Gemüse an. Fast-Fashion lehnt er genauso ab wie Fast Food. Er trägt abgewetzte Lederjacke und Jeans, und zieht  knisterndes Vinyl sterilem MP3-Online-Streaming vor – eine Reminiszenz an seine Vergangenheit als Musikjournalist und Rockfotograf von 1978 bis 1984. Damals fotografierte Micha Ende analog und Schwarzweiß und begleitete die angesagten Bands jener Zeit auf Tourneen durch Deutschland. Sein umfangreiches Archiv scannte er ein, mit allen Kratzern und Flecken, die den Bildern eine besondere Patina verleihen. Unter dem Titel „Scratched Memories“ („zerkratzte Erinnerungen“) finden Sie die besten dieser Arbeiten in unserem Online-Shop.

Die Menschen, die er für „Distant Neighbours“ fotografiert, wissen zu welchem Zweck sie abgelichtet werden. Micha Ende baut Verbindungen zu ihnen Menschen auf, kommuniziert in fünf Sprachen, inklusive holpriges Mandarin, und erfährt so von einem Müllsammler in Brasilien, der über einen überreichten Fotoabzug Freudentränen vergoss, dass dieser noch nie ein Bild von sich besessen hatte.

Bei seinen Reisen durch Indien und China hatte er Kopien seiner Arbeiten und Veröffentlichungen aus Brasilien in seiner Fototasche, die er seinen „Models“ in Pune und Guangzhou zeigte, und damit nicht nur eine lebhafte Diskussion über die unterschiedliche Art von Waste Management und Recycling in Gang brachte, sondern die indischen und chinesischen Müllarbeiter dazu anregte, ihren brasilianischen Kollegen zu zeigen, wie auf der anderen Seite der Erde recycelt wird.

Jedes Bild hat seine eigene Geschichte …

  „Coffee Hand“: 

Micha Ende Coffee
South America, Brasil, Minas Gerais, Sao Lourenco. Hand of worker at coffee harvest with multi coloured beans. Südamerika, Brasilien,Minas Gerais, Sao Lourenco. Hand der Arbeiterin Maria de Fatima Rafael bei Kaffee-Ernte auf der Fazenda Sertao. 28.9.2006. DIGITAL PHOTO, 17,3 MB. Copyright: Michael Ende / Bilderberg.

Die von Jahrzehnten Sonne und harter Arbeit gegerbte Hand der Arbeiterin Maria Fatima de Rafael, 65, sortiert am Ende der Erntesaison auf der Fazenda Sertão beim Städtchen São Lourenço die noch verwertbaren Bohnen.In São Lourenço wird  der wohl beste Kaffee Brasiliens angebaut. Er erzielt auf der Kaffeebörse in Chicago Rekordpreise, und ist fast ausschließlich für den Export bestimmt. Aus den buntem Bohnenmix aus den Resten der Ernte wird aber nur der billigste Kaffee für den brasilianischen Markt hergestellt. Maria Fatimas Urgroßeltern haben noch als Sklaven auf den Ländereien der portugiesischen Kaffee-Pflanzer  in Minas Gerais geschuftet. Kaffee wird in Brasilien seit 1840 produziert, und Brasilien stellt ein Drittel des weltweit konsumierten Genussmittels her. Abgeschafft wurde die Sklaverei in Brasilien 1888.

Aktuell kann Micha Ende wegen der Corona-Pandemie nicht reisen. Der Künstler arbeitet weiter daran, Kontakte und auch Finanzierung für die Fortführung von „Distant Neighbours“ zu gewinnen. Parallel baut er seine Tätigkeit als Kurator aus und bringt Künstlerinnen und Künstler mit Galerien zusammen. Auch wir in der Galerie Hunold durften schon von seinem Netzwerk profitieren. 

Anfang 2020 wollten wir Micha Ende und den Kunsthistoriker Dr. Martin Dziersk für ihren gemeinsamen Kunstvortrag mit dem Titel “Waste Site Story” bei uns in der Galerie begrüßen, doch leider mussten wir diesen auf unbestimmte Zeit verschieben. Wir hoffen sehr, dass wir den außergewöhnlichen Vortrag zum Thema wie aus Kunst Müll und wie aus Müll Kunst wird, bald nachholen können. Bis dahin, sehen Sie sich gerne in unserem Onlineshop oder direkt bei uns in der Galerie bei den Werken von Micha Ende um!

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.